Ai Weiwei: Never Sorry

Seit kurzem läuft auch in den deutschen Kinos ein Film über den chinesischen Protestkünstler Ai Weiwei. Aus über 300 Stunden exklusivem Filmmaterial wurde eine packende Dokumentation über den Künstler und sein nächstes Umfeld zusammenstellt. Gleichzeitig zeigt der Film die problematischen politischen Verhältnisse im Land eines Regimes, das mit aller Gewalt versucht seine Kritiker mundtot zu machen.

Trailer zum Film “Ai Weiwei – Never Sorry”

China 2008. Bei einem verheerendem Erdbeben in der Provinz Sichuan sterben über 85 000 chinesische Staatsbürger. Was der Staat danach zu vertuschen sucht, bringt Ai Weiwei an die Öffentlichkeit: Aufgrund von unsachgemäßer Gebäudeplanung und Pfusch am Bau stürzen zahlreiche Schulgebäude ein. Weiwei sammelt die Namen von beinahe 5000 Kindern, die in ihren Schulen ums Leben kamen, und bringt sie durch eine Kunstaktion an die Öffentlichkeit. 2009 wird er von Polizisten, die ihn davon abhalten möchten, für einen seiner Helfer vor Gericht auszusagen, lebensgefährlich verletzt. Eine Notoperation in München rettet ihm einen Monat später das Leben.

“Remembering”
Als Ai Weiwei wenig später eine große Einzelausstellung im Haus der Kunst in München realisiert, hat er an der Fassade des Gebäudes insgesamt 9000 Kinderrucksäcke installiert, um an die toten Kinder von Sichuan zu erinnern. Die verschiedenfarbigen Rucksäcke, die in chinesischen Schriftzeichen angeordnet sind, bilden den Satz mit dem die Mutter eines in Sichuan umgekommenen Schülerin ihrer Tochter gedachte: “Sieben Jahre lang lebte sie glücklich in dieser Welt”.

“Sunflower Seeds”
Die wohl bislang eindrucksvollste künstlerische Arbeit verwirklichte Ai Weiei 2010 in der Tate Modern Galerie in London. Auf einer Ausstellungsfläche von tausend Quadratmetern bedeckten insgesamt 150 Tonnen Sonnenblumenkerne etwa knöcheltief den Boden. Das Besondere: die etwa 100 Millionen Sonnenblumenkerne waren von rund 1500 chinesischen Arbeitern handgefertigt und bemalt worden.

Für den Künstler behinhaltet die überwältigende Installation Aspekte des in der Masse untergehenden Individuums. Die zahllosen Sonnenblumenkerne stellen gleichzeitig eine Verbindung zur politischen Vergangenheit Chinas dar: Der chinesische Revolutionär Mao Tsetung wurde im Volksmund als Sonne umschrieben, dem sich das Volk wie Sonnenblumen entgegenstreckt.

“Wo ist Ai Weiwei?”
Im Frühjahr 2012 verschwindet Ai Weiwei plötzlich von der Bildfläche. Nach seiner Verhaftung wegen angeblicher Steuerhinterziehung wird er von der Staatspolizei an einem geheimen Ort versteckt und monatelang eingesperrt.
Als aufgrund des internationalen Druckes nach 81 Tagen frei kommt, ist der Künstler sichtlich mitgenommen und eingeschüchtert. Von den Behörden zum Schweigen verpflichtet und ständig von zwei Polizisten umgeben befindet er sich bis zum heutigen Tage unter Hausarrest. Es ist ihm weder gestattet das Land zu verlassen, noch Interviews zu geben.

“Never Sorry”
Seit mehr als einem Jahr befindet sich Ai Weiwei nun in dieser Form unter Arrest. Dies ist auch der Grund dafür, warum der Künstler nicht persönlich zur Premiere der gerade neu erscheinenden Kino-Dokumentation “Ai Weiwei – Never Sorry” anwesend sein konnte. In Kassel zur diesjährigen Documenta, auf der die 90-minütige Dokumentation der US-amerikanischen Regisseurin Alison Klayman erstmals der deutschen Öffentlichkeit gezeigt wurde, erschien stellvertretend für ihn ein Vertrauter, der dem Publikum die Grüße des Künstlers übermittelte.

Klayman hatte für die Produktion des Mammut-Filmprojektes den Künstler über drei Jahre lang mit der Kamera begleitet. In “Never Sorry” kommen neben dem Künstler selbst auch seine engsten Freunde und Familienangehörigen zur Sprache – sogar den schicksalshaften Moment seiner Verhaftung hat die Regisseurin auf Film festgehalten. Aus dem geplanten Portrait eines der bedeutendsten Künstler der Gegenwart wurde somit ein bewegendes Zeitzeugnis des “zweiten Gesichts Chinas” und die wahre Geschichte des Kampfes eines unerhört mutigen Regime-Kritikers.

Dieser Beitrag wurde unter Künstler abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.