Die Kunst des Henri Rousseau – naiv oder visionär?

Naive Kunst und die Naive Malerei um 1900
Henri Rousseau gilt als der bedeutendste Vertreter der so genannten Naiven Malerei. Künstler, deren Werke unabhängig der Hauptentwicklung der Kunst, die sich stets in den einzelnen Stilrichtungen und Epochen abspielte und scheinbar jenseits jeglicher akademischer Vorbilder und Traditionen entstanden, werden im Allgemeinen der Naiven Kunst zugeordnet, die in den Jahren um 1900 ihren Höhepunkt in der Naiven Malerei fand.

Die Gemälde der Naiven Malerei weisen oft eine beinahe kindliche künstlerische Herangehensweise auf. Die Motive erscheinen in lebendigen Farben, merkwürdig nebeneinander angeordnet und vereinen sich meist zu phantastisch oder traumhaft anmutenden Bildwelten. Nicht selten werden den Vertretern der Naiven Malerei so genannte Außenseiterrollen zugeschrieben und zu Lebzeiten eher als unprofessionelle Freizeitkünstler bezeichnet. Ihre Werke sind deshalb nicht weniger eindrucksvoll.

Der Künstler Henri Rousseau
Henri Julien Félix Rousseau wurde 1844 in Frankreich als Sohn eines Handwerkers geboren. Er gilt allgemein als ein autodidaktischer Künstler, da er zeit seines Lebens niemals eine akademische oder handwerkliche künstlerische Ausbildung erfahren hatte. Nach seinem militärischen Dienst arbeitete er als Zöllner, ließ sich allerdings bereits im Alter von 49 Jahren pensionieren, um sich fortan ganz der Malerei widmen zu können.

Obwohl es ihm zu Lebzeiten nicht vergönnt war, die Früchte des Erfolges seiner Kunst zu genießen, konnten ihn weder die teilweise entsetzten Reaktionen des damaligen Kunstpublikums noch die Belustigungen der Presse davon abhalten, sein künstlerisches Anliegen selbstbewusst und mit liebenswerter Naivität zu vertreten. Er selbst verglich sich mit erfolgreichen Künstlern wie Pablo Picasso und pflegte intensive Freundschaften zu Gauguin, Pissaro und Delaunay, die ihn stets hoch achteten und förderten.

Phantastische Bildwelten 
Sich selbst bezeichnete Rousseau als Realist und die Natur als seinen einzigen Lehrmeister. Allerdings ist Rousseaus Realität nicht etwa ein Abbild, sondern vielmehr seine individuelle Interpretation der Natur, die mehr der Realität eines phantastischen Traumes als der des wirklichen Lebens gleicht. In seinem bekanntesten Gemälde “Der Traum der Yadwigha” von 1910 treten, ähnlich wie bei ägyptischen Wandmalereien, alle Figuren und Bildelemente entweder frontal oder im seitlichen Profil beinahe ornamental in Erscheinung. Vorder- und Hintergrund sind in gleicher Darstellungsschärfe abgebildet, wobei sich jedes einzelne Element durch Farbgebung und scharfer Linienführung deutlich vom anderen abgrenzt.

Der visionäre Rousseau
Viele künstlerische Zeitgenossen sprachen Henri Rousseau trotz seines Außenseitertums eine wegweisende Rolle für den weiteren Verlauf der Entwicklung der Kunst zu. Während ihn die Surrealisten postum als einen magischen Realisten verehrten, sahen sowohl Apollinaire als auch Wassily Kandinsky in ihm die Verkörperung des primitiven Künstlers, der dem neuen Zeitalter der Moderne den Weg bereitet hatte.

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