Künstlerkinder in der Kunsthalle Emden

Mit der Geburt der eigenen Kinder ändert sich in so mancher Hinsicht der Blick der Eltern auf sich selbst, auf das eigene Leben und auf die Welt im Ganzen. Seit jeher haben sich auch Künstler diesem einscheidenden Thema ihres Lebens gewidmet und portraitieren ihre Kinder auf die unterschiedlichste Art und Weise. Unter dem Titel “Künstlerkinder” widmet sich nun erstmals eine Institution in umfassender Form diesem Thema. In der Kunsthalle Emden sind rund 140 Kunstwerke von Beginn des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart zu sehen.

Kinderportraits aus über 200 Jahren
Eindrucksvoll und überraschend erscheint das Portrait der kleinen Nelly Dix. Ihr Vater, der bedeutende Maler Otto Dix, der bekannt für seine Darstellungen von Leid, Elend und Hässlichkeit wurde, schien beim Portrait seiner Tochter offensichtlich eine Ausnahme zu machen. Als mythologische Figur der Flora portraitiert er sie im märchenhaftem Kostüm in einer scheinbar unversehrten und idealisierten Renaissance-Landschaft. In ihren Händen hält sie Blüten und blickt den Betrachter fröhlich an. Auch Lovis Corinth portraitierte mit großer Leidenschaft seine Kinder. Für ein Gemälde seiner Tochter Wilhelmine musste diese sogar zwei Tage die Schule schwänzen. Ein Entschuldigungsschreiben des Vaters an den Lehrer folgte: Wilhelmine hätte nicht die Schule besuchen können, da ein Portrait fertiggestellt werden musste, hieß es in dem Brief, den er dem Lehrer durch seine Tochter überreichen ließ.

Intime Einblicke in die Gefühlswelten der Künstler
Für den Romantiker Phillip Otto Runge verkörperten Kinder das Ursprüngliche und Göttliche. In seinen Kinderdarstellungen scheinen die jungen Erdenbürger diese göttliche Lebenskraft förmlich zu versprühen und werden bereits als ernst zu nehmende und eigenständig handelnde kleine Persönlichkeiten dargestellt. Im 19. Jahrhundert, als die Kindersterblichkeit verhältnismäßig hoch lag, mussten sich viele Künstler mit dem schmerzlichen Tod ihres eigenen Kindes auseinandersetzen. Der Schweizer Maler Albert Anker portraitiert seinen kleinen blonden Jungen “Ruedeli” auf dem Totenbett aufgebahrt. Er trägt ein weißes Gewand und ist umgeben von Trauerblumen. Auch  Käthe Kollwitz setzte sich in ihren Kohlezeichnungen immer wieder mit dem Tod ihres Sohnes auseinander der im jungen Alter von gerade einmal 18 Jahren als Soldat im 1. Weltkrieg zu Tode kam.

Der zeitgenössische Blick auf das Kind
Die US- amerikanische Künstlerin Catherine Opie thematisiert in einem fotografischen Portrait ihres Sohnes die gegenwärtigen Rollenverhältnisse der Geschlechter. Der kleine Oliver Opie trägt einen rosa Tüllrock, eine Kette und ein Silberkrönchen. Auch Hannah Nitsch portraitiert immer wieder ihre eigenen Kinder, die jedoch dem voyeuristischen Blick des Betrachters auf offensive Art und Weise selbstbewusst entgegentreten zu scheinen. Die Portraits wirken inszeniert und oft beinahe bedrohlich und enthalten Aspekte von Gewalt, Machtausübung und Schuld. Sie hinterfragen das moderne Verhältnis zwischen Kind und Erwachsenem und thematisieren damit auch unser Verhältnis mit dem Kindlichen in uns.

Leihgaben aus dem In- und Ausland
Neben vier Gemälden von August Macke und Max Pechstein aus der hauseigenen Sammlung setzt sich die Ausstellung aus Leihgaben von Sammlungen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Frankreich, Norwegen und Miami zusammen. Die internationale Ausstellung ist noch bis zum 20. Januar 2013 in der Kunsthalle Emden zu sehen.

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