Privat – das Ende der Intimität in der Schirn-Kunsthalle Frankfurt

Am 1. November eröffnete die Schirn Kunsthalle in Frankfurt eine Gruppenausstellung mit 30 unterschiedlichsten Künstlern, die sich in ihren Arbeiten dem Thema der Privatheit widmen. Für den Direktor der Kunsthalle Max Hollein und Martina Weinhart, Kuratorin der Ausstellung, stellte sich bei der Konzeption der Ausstellung die Frage, wie sich der Aspekt des Privaten in unserer heutigen Gesellschaft gewandelt hat und welche Bedeutung das Wort “privat” für uns heute hat. Eines steht fest: Im letzten halben Jahrhundert hat sich Privatheit für uns alle radikal verändert. Während früher private und intime Dinge hinter verschlossenen Türen und im Schutzraum von Familien, Ehen oder Freundschaften verhandelt wurden, hat das Private in dem von den Ausstellungsmachern betitelten heutigen Zeitalter der “Post Privacy” einen radikalen Bedeutungswandel erfahren. Was ist in der Zeit von Facebook, Flashmobs, Handykameras und Reality-TV aus der einstmals intimen Privatheit des einzelnen Individuums geworden?

Die 60er Jahre: Das Private ist politisch
Bevor sich die Ausstellungsmacher dieser überaus komplexen Frage widmen, laden sie den Besucher zunächst in eine Reise in die Vergangenheit ein. Mit dem Aufkommen der 68er-Bewegung wird der als spießbürgerlich empfundene Aspekt der Privatheit erstmals von Künstlern und politisch engagierten Studenten radikal angegriffen und in Frage gestellt. Das Private wird kurzum in den Bereich des Politischen erhoben – die Folgen dieser Revolte schlägt sich auch in der Kunst dieser Jahre wieder.

Zur gleichen Zeit, als in der legendären Kommune 1 in West-Berlin endgültig mit den Idealen der Vätergenerationen gebrochen wird, filmt der wohl berühmteste homosexuelle Künstler seiner Zeit, Andy Warhol, seinen Liebhaber im Schlaf und stellt ihn in einer über 5-stündigen Videoarbeit in der Öffentlichkeit zur Schau. Der berühmte Filmemacher Michel Auder dokumentiert, wie in einem Tagebuch filmisch und in größter Intimität das leben der New Yorker Boheme-Gesellschaft jener Zeit.

Privatheit und Familie heute
Der 1970 geborene Künstler Richard Billingham schockiert Ende der 90er Jahre das Kunstpublikum, indem er seine Familie in ihrer Wohnung in einem Sozialbau in Birmingham schonungslos mit der Fotokamera portraitiert. Zu sehen sind sein alkoholkranker Vater, seine Mutter und die verwahrlosten Zustände in dessen Wohnung. Heute sind innerhalb kürzester Zeit Bilder, die privateste Details des Familienlebens preisgeben zum Massenphänomen in Internet-Blogs, Foren und Plattformen wie Youtube oder Facebook geworden. Die Entblößungs-Auftritte ohne jegliche Schamgrenze in Internet und TV-Shows scheinen die einstmals von Joseph Beuys formulierte These, dass jeder Mensch ein Künstler sei, in merkwürdiger Art und Weise zu persiflieren.

Die gesellschaftspolitische Bedeutung des Privaten
Dass der Umgang mit Privatheit innerhalb einer Gesellschaft permanent neu verhandelt und nach neuen Kriterien ausgerichtet wird, verbildlicht eine Arbeit von Mark Wallinger die auf die Besucher der Ausstellung wie ein modernes Echo auf Andy Warhols Videoarbeit “Sleep” wirken muss: In der Installation mit dem Titel “The Unconscious” präsentiert er großformatige Fotoportraits schlafender Fahrgäste in öffentlichen Verkehrsmitteln, die von Mitreisenden portraitiert und ins Netz gestellt wurden.

Dass ein Bruch mit dem bisherigen Umgang mit Intimität und Privatheit sich durchaus als politisches und gesellschaftliches Druckmittel sehr effektiv bewähren kann, zeigt sich an den Arbeiten der feministischen Künstlerinnen der 70er Jahre bis hin zu einem Ausstellungsbeitrag des wohl weltweit berühmtesten Bloggers, dem chinesischen Skandalkünstler Ai WeiWei. Auf unzähligen Bildschirmen zeigt er über 5000 Bilder die er von sich und seiner Umgebung aufgenommen hat und über seinen Blog und Twitter als politische Botschaften weltweit verbreitet.

Die Ausstellung “privat- das Ende der Intimität” ist vom 1.November 2012 bis zum 3. Februar 2013 in Frankfurt in der Schirn-Kunsthalle zu sehen.

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