William Kentridge – die graue Eminenz der Documenta

Auf der diesjährigen documenta (13) ist die raumgreifende Multimedia-Installation des 57-jährigen, südafrikanischen Künstlers William Kentridge längst kein Geheimtipp mehr. Der diesjährige Publikumsliebhaber Kentridge ist nun bereits zum dritten Mal auf einer Documenta vertreten und zieht in diesem Jahr die Besucher des Kulturbahnhofes in Kassel mit einer sinnlichen Arbeit über die Zeit in seinen Bann.

Biografische und politische Einflüsse
William Kentridge, der ein begnadeter Zeichner ist, wurde durch seine politisch motivierten Zeichentrickfilme bereits in den achtziger Jahren international bekannt. Der 1955 in Johannesburg geborene Künstler wurde schon während seiner Kindheit mit dem Thema der Kolonialisierung konfrontiert. Dies geschah nicht zuletzt auch durch das Umfeld seiner Eltern, einem gut situierten, jüdischen Anwaltspaar, das zahlreiche Mitglieder der schwarzen Bevölkerung Südafrikas in den Apartheidsprozessen jener Zeit vertrat.

Politik und Kunst
Der junge Kentridge wandte sich sich nach seiner schulischen Ausbildung zunächst dem Studium der Politikwissenschaft zu und absolvierte daran anschließend ein Kunststudium an der Art Foundation in Johannesburg. Als Anhänger der Anti-Apartheidsbewegung arbeitete er bereits in dieser Zeit eng mit einer südafrikanischen Theater-Kompanie zusammen.

Schon seine frühesten Arbeiten thematisieren die brisanten politischen Aspekte seines Heimatlandes. Seine gezeichneten Animationsfilme produziert Kentridge auf Basis von abfotografierten Kohlezeichnungen, die wie im klassischen Stopp-Motion-Verfahren immer wieder verändert, überlagert und verwischt werden. In vielen dieser Filme enthalten die Hauptfiguren sowohl optisch, als auch inhaltlich starke biografische Züge des Künstlers. Besonders die frühen Werke zeigen die Folgen der blutigen Kolonialgeschichte Südafrikas und die Auswirkungen von Rassismus und Apartheid.

The Refusal of Time
Während diese Zeichentrickfilme bereits durch ihre formalen Entstehungs- und Wiedergabeprozesse mit dem Aspekt des Zeitlichen spielen, erhebt Kentridge in seinem diesjährigen Documenta-Beitrag den Begriff der Zeit zum thematischen Schwerpunkt seines Projektes. In einer zweijährigen Probezeit erarbeitete der Künstler, der sich inzwischen auch als Regisseur und Bühnenbildner einen Namen gemacht hat, eine Multimedia-Oper mit dem Titel “Die Verweigerung der Zeit”. Auf sehr sinnliche Art und Weise nähern sich Kentridge und seine Musiker, Tänzer und Schauspieler dem Thema der Zeit. Das Stück scheint danach zu fragen, wie die heutige Gesellschaft sich der Zeit stellen kann. Wie könnte sich unsere beschleunigte Welt durch eine Ablehnung der scheinbaren Sicherheit, die uns das Ticken der Uhr gibt, ändern?

Video: William Kentridge – “The Refusal of Time” (2012)

Multimedia-Installation im Kulturbahnhof in Kassel
Im Gegensatz zur Live-Inszenierung konzentriert sich Kentridge mit seiner Videoinstallation im Kulturbahnhof in Kassel auf fünf überdimensionale Videoprojektionen, die die Geschichte der Zeitmessung erzählen. In einzelnen Kapiteln wird gezeigt, wie die Zeit im Laufe der Geschichte in immer kleinere Einheiten unterteilt wurde. Bei der Konzeption der Installation arbeitete der Künstler mit einem Komponisten, zahlreichen Musikern und Tänzern, und sogar mit einem Physiker aus Harvard zusammen.

Gemeinsam mit ihm entwickelte Kentridge eine überdimensionale, so genannte Atem-Maschine, die sich in der Mitte des Raumes befindet und den Takt der Installation vorzugeben scheint. Auf unterschiedliche Art und Weise fragen sowohl die Live-Performance als auch die Multimedia-Installation im Kasseler Kulturbahnhof, ob unsere beschleunigte Gesellschaft der Gegenwart dem Schicksal der Unterwerfung der Zeit entkommen kann. Die documenta (13) in Kassel hat noch bis zum 16.9.2012 geöffnet.

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